Anna Neder-von der Goltz

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Die Welt nach 1989: Oder-Neiße-Radweg 2017

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„Es ist still geworden“, sagt die Frau und stellt selbstgemachte Marmelade auf den Tisch. „Vorher saßen wir hier oft zusammen, Familie, Nachbarn, Freunde, …“, und dann versagt ihre Stimme. Der Mann bringt frisch geerntete Tomaten aus seinem Garten. Ja, das Gartenhaus habe er selbst gebaut, auch das Haus hat er nach der Wende renoviert, moderne Bäder und Küchen eingebaut, erzählt er stolz. Drei Etagen für seine erwachsenen Kinder. Nun steht es leer. Tränen treten ihm in die Augen: „Sie sind alle in den Westen gegangen, der Arbeit wegen.“

Auch uns zieht es fort aus dieser Stadt, in der die Pizzeria am Samstagstagabend um 20 Uhr kaum Gäste zählt und die Straßen trotz des Sommers menschenleer sind. Guben, früher berühmt durch seine Tuch- und Hutherstellung, seit 2006 bekannt durch seine Plastinationsfabrik für Leichen. Befürworter argumentierten mit der Schaffung von Arbeitsplätzen, Gegner sehen in der Zurschaustellung von Leichtenteilen einen Verstoß gegen die Menschenwürde.  

   Frankfurt a. d. Oder, eine Grenzstadt. Im polnischen Teil pulsiert das Leben, die deutsche Seite schläft. Auf dem Weg vom Kleist-Museum zu unserer Pension an der Uferpromenade entlang suchen wir nach einem Restaurant. Mehrere Lokale, aufwendig restauriert in historischen Gebäuden, sind wegen Ausbleiben der Gäste wieder geschlossen worden. Als wir die Oderbrücke zur polnischen Seite überqueren, blinken uns Leuchtreklamen für Schönheitschirurgie, Zahnimplantate und Optikerläden entgegen. Auffallend viele junge Menschen schlendern durch die Einkaufsstraße. Das Essen im italienischen Restaurant ist gut, hat allerdings auch westliche Preise.

   Den Gutshof hat sie von ihrer Tante geerbt. Nach 35 Jahren Westberlin ist sie mit ihrem Mann in den Osten gezogen. Lebehn, ein idyllischer Ort mit einem kleinen See, der abends ruhig und still vor uns liegt und in dem wir nackt baden können, weil weit und breit niemand zu sehen ist. Das Herrenhaus aufwendig renoviert, das Gesindehaus zu Ferienwohnungen umgebaut, verrät uns durch seinen modrigen Geruch, dass hier wenig Besucher vorbeikommen.

„Mit 21 Arbeitern bewirtschaftete man früher den Hof, jetzt sind es nur noch 2“, erzählt uns der neue Gutsherr stolz. Wir hatten gehört von den riesigen Landkäufen westlicher Agrarbetriebe, die den kleineren Höfen die Existenzgrundlage nehmen. Beim Abschied bewundern wir den malerischen Garten vor dem Herrenhaus und sind froh weiterfahren zu können, nicht ohne uns die Adresse eines vegetarischen Restaurants im nächsten Ort geben zu lassen. Das Netzwerk der Westler, die im Osten Tourismus betreiben, funktioniert gut.    

   „Klatschmohn“ heißt das empfohlene Gäste- und Gesundhaus in Rieth am Neuwarper See. Nach einer langen fleisch- und piroggenlastigen Zeit freuen wir uns über Körner und vegetarisches Essen. Wir übernachten in der alten Schule. Die Wände sind in hellen Gelbtönen gestrichen, die Balken und die Holzdielen freigelegt und die Naturmöbel mit Leinöl eingelassen. Ich atme tief durch, nach so vielen Resopal Möbeln der vergangenen Nächte, und wir beschließen zwei Tage zu bleiben. Den Weg zum Neuwarper See säumen kleine Häuschen mit bunten Fensterläden und blühenden Bauerngärten davor. Ende August wirken sie alle verlassen. Alteingesessene treffen wir nirgendswo an. Den Strand haben wir für uns alleine. Im traditionellen Café de Klönstuw zeigt uns bei selbstgebackenem Kuchen ein Akademikerpärchen aus dem Westen, was sie im Kunstlädchen mit Kreativwerkstatt eingekauft haben. Man lobt die Natur und die Stille. Wie ein Freilichtmuseum kommt es mir vor und ich freue mich nach so viel Idylle auf die Weiterfahrt.

   Der Bahnhof von Anklam ist trostlos, Eingangstor eines Ortes, der als Hauptstadt der Nazis gilt. TV-Bilder tauchen auf, von marschierenden Rechten, von Neonazis, die Punks durch die Stadt jagen; von Gewalttätern, die Ausländer schwer verletzen. Seit der Wende hat Anklam ein Drittel seiner Bewohner verloren, 95% der Abiturienten verlassen jährlich die Stadt.

Wir kommen über das Steintor in den Ort. Am Marktplatz, im Park, vor Musikgeschäften und Kneipen sieht man schwarzgekleidete, kahlrasierte Grüppchen zusammenstehen. Im Straßencafé werden wir misstrauisch beäugt, aber niemand kommt uns zu nahe. Mit meinem Mann, blond, groß, mit blauen Augen, fühle ich mich sicher. Welch absurder Gedanke! In einem italienischen Restaurant werden wir freundlich bedient; dass ich in der Nacht erbrechen muss, liegt m. E. nicht an der rechtsradikalen Gesinnung des Ortes. An einzelnen frisch gestrichenen Häusern hängen Fahnen, die Anklam zur "national befreiten Zone" erklären. Die Straßen, penibel sauber, wirken freudlos.

Bei unserer Abreise mit dem Zug entdecken wir den „Demokratie“ -Bahnhof. 2014 war in das Bahnhofsgebäude ein alternatives Jugendzentrum eingezogen. „Nazis abwählen“ steht auf einem Transparent, das die Jugendlichen weit oben, am Giebel des Gebäudes, befestigt haben. Unser letzter Blick auf Anklam, ein Hoffnungsschimmer.

Ich bin froh, im Westen aufgewachsen zu sein.

Geschichte des Monats Juli

Brasilien 2014 109

Clubfreunde - 

Es war unsere Zeit, wenn wir früh um vier quer über Wiesen und Felder von der Diskothek nach Hause liefen. Der Himmel, durchzogen von dünnen, hellblauen Bändern, öffnete sich für den neuen Tag. Mein Bruder hatte den Arm um meine Hüfte gelegt, ich spürte seine Hand auf meinem Rippenbogen durch meine dünne Bluse hindurch. Dunst und Schweiß der durchtanzten Nacht klebten noch an unseren Körpern. Er hatte mich in seine Lederjacke eingewickelt, um mich vor dem kühlen Morgenwind zu schützen. Ich lehnte meinen Kopf an seine Halsbeuge. Am Morgenhimmel züngelten rote Wolkenflammen und glühten wie unsere Wangen und unsere Körper die Nacht zuvor in der Diskothek.

Freitags trafen wir uns mit der Clique im Planet, der größten Diskothek in Nürnberg. Samstag und Sonntag fuhren wir Hunderte von Kilometern zu den Auswärtsspielen unseres geliebten FCN. Als der Club noch in der ersten Liga spielte, fuhren wir nach Hamburg zum HSV und jetzt, in der zweiten Liga, nach Sankt Pauli, genauso weit, um ihm in der Fankurve nahe zu sein. Mit unserem Slogan „Ich bereue diese Liebe nicht!“, geschrieben auf Spruchbändern, die wir wie Segel über unsere Köpfe schwenkten, taten wir ihm jedes Wochenende unsere Liebe kund. Es war nicht ungewöhnlich, dass auch bekannte Clubspieler ins Planet kamen. Sie tanzten Seite an Seite, Haut an Haut, mit ihren Fußballfans, so als ob sie ihresgleichen wären. Sie schwitzen, tobten und hechelten durch die Nacht, der Schweiß war der gleiche, der Körpergeruch auch, nachdem die Wirkung ihrer Deos nachgelassen hatte. Keiner von den Spielern wurde nach einem Autogramm gefragt, sie hatten ihre Starallüren zuhause gelassen, sie waren einer von uns.

Letzen Freitag war wieder einer da. Caroline genoss es in seiner Aura, in seinem Bann zu tanzen. Sie ließ ihre langen blonden Haare in seine Nähe fliegen, streifte seine muskulösen Oberarme, die vor Schweiß glänzten, und lachte und freute sich, dass dieser Fußballheld sie umgarnte. Sie ließ es geschehen. Er war ohne Freundin da. In der Musikpause schlürften sie Fruchtcocktails durch dicke schwarze Strohhalme und prosteten sich zu. Doch dann hielt Caroline Ausschau nach ihrer Clique und zog sich in die Ecke zu ihrem Bruder und ihren Freundinnen zurück. Kein Feuer anfachen, dachte sie sich, nur ein bisschen sonnen in der Größe, in der Bekanntheit dieses Stars. Am Grinsen ihrer Freundinnen merkte sie, dass sie ankam. Sie genoss die Aufmerksamkeit, die Blicke des Neides und der Sehnsucht.

Nach der Pause tanzte er wieder in ihrer Nähe.

„Kommst du mit mir nach Hause“, hauchte er während des Tanzens in ihr Ohr.

Sie schüttelte den Kopf und drehte sich tanzend von ihm weg.

Er kam wieder, dieses Mal von der anderen Seite.

„Bitte, komm doch mit, hast du nicht auch Lust?“, nuschelte er.

Caroline blieb stehen und starrte ihn an. „Du hast doch eine Freundin.“

„Die ist nicht da!“, gab er zur Antwort.

Caroline schüttelte den Kopf.

„Nein!“

„Ich geb` dir 2.000 für die Nacht“, hörte sie ihn sagen. Da begann ein Rauschen in ihren Ohren und schwindelig taumelte sie in die Ecke zu ihrer Clique zurück. Ihr Bruder fragte, ob alles okay sei, sie nickte. Erst zu Hause erzählte sie ihm, was vorgefallen war.

Am nächsten Freitag ging Caroline nicht mit.

„Wo hast du denn deine kleine Schwester gelassen, Frank?“, wollten seine Freunde wissen.

„Ihr geht `s nicht so gut“, murmelte er.

Es wollte keine rechte Stimmung bei ihm aufkommen. Als sein Freund ihn doch auf die Tanzbühne schleppte, sah er ihn: Da war er wieder, der fränkische Fußballstar, das war er doch! Dieses Mal mit Freundin. Sein Herz begann schneller zu schlagen, er begann zu schwitzen, trotz seines dünnen T-Shirts, und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Alles in Ordnung?“, fragte sein Freund.

„Geht scho`“, antwortete er. „Bring mir ein Bier mit.“

Die Musik machte gerade Pause und Frank wollte auf seinen Platz zurück, doch da drängte ihn eine innere Kraft sich umzudrehen und er steuerte geradewegs auf den Fußballstar und dessen Freundin zu.

„Du übrigens, meine Schwester hat sich `s überlegt, für 10.000 geht sie mit dir nach Hause.“

„Was willst du?“, blaffte der Fußballstar ihn an. Seine Freundin schaute verwirrt zu ihm, dann zu ihrem Held und wieder zurück.

„Für 10.000 geht sie mit“, wiederholte Frank.

Der Fußballstar drängte sich jetzt an ihn heran und brüllte. „Lass mich in Ruhe, du Scheißkerl! Security! Belästigung, ich werde belästigt!“

Da spürte Frank schon den harten Griff einer eisernen Hand in seinem Nacken und eine andere, die seinen Oberarm ergriff. Er wurde zuerst nach hinten gezogen, dann von den vielen Händen gedreht, die Tür öffnete sich und er spürte, wie er durch einen wuchtigen Stoß Auftrieb bekam und zur offengehaltenen Tür hinaus auf den geteerten Gehsteig segelte. Er landete auf seinem Jochbein und spürte den Schmerz seiner aufgeschürften Handballen. Ihm war schwarz vor Augen und er wäre am liebsten liegen geblieben. Doch dann drückte er sich hoch, betastete mit der Hand das schmerzende Jochbein, schmeckte mit der Zunge den metallenen Geschmack von Blut in seinem Mund und fing an, die kleinen Schottersteinchen aus seiner aufgesprungenen Lippe herauszupulen. Ihm war kalt, er vermisste seine Schwester und er fing an wie im Trance nach Hause zu laufen, so wie jeden Samstag früh.

Auf den Wiesen und Feldern lag der Morgendunst und am Himmel waren wie immer die ersten Lichtstreifen des Tages zu sehen. Jeder Schritt schmerzte und er spürte das Blut aus seiner Nase tropfen, rot, so rot wie die Wolkenfetzen, die er am Himmel heraufziehen sah. Es waren züngelnde Flammen, wie von riesengroßen Fackeln, Fackeln des Sieges, die den Sieger den Weg nach Hause geleiteten. Er sah die schwarzen Silhouetten der Bäume und Sträucher und das schwarze Viereck von weitem, die Plakatwand dort am Schotterweg, wo er abbiegen musste, zur Siedlung seines Elternhauses hinauf. Sein Schritt wurde beschwingter, der Schmerz brannte wie Spiritus im Feuer und gab ihm das Gefühl, ja die Gewissheit, dass er heute, wenn auch der geschlagene, so doch der Held des fränkischen Fußballlandes war. Die Plakatwand wirkte von weitem wie ein Tor. Dort angekommen, schaute er zu den übergroßen Lettern hinauf und musste trotz seiner aufgeschlagenen schmerzenden Lippe schmunzeln. Dort stand die Botschaft geschrieben. 

„Ich bereue diese Liebe nicht.“      

Erzählung des Monats - Februar

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Rauchfrei  -  

Sie hatten eine gute Ehe. So dachte sie zumindest. Bis zu jenem Morgen, als sie die Kleider zum Lüften auf den Balkon hängte.

Georg fuhr um sieben in seine Agentur. Nicole musste erst um zehn in der Redaktion sein. Sie frühstückten zusammen und Nicole räumte noch etwas auf und hängte Pullover und Jacken ins Freie. Georg kaufte ein und abends kochten sie zusammen. Wenn sie keine Lust dazu hatten, gingen sie Essen. Manchmal gingen sie mit Freunden ins Kino oder joggen.

Nur der Dienstagabend war beiden heilig. Nicole liebte ihren Yogakreis und Georg seine Skatrunde. Es waren alte Freunde, die sie schon aus der Zeit vor ihrer Beziehung kannten.

Doch an diesem Mittwochfrüh war etwas anders. Nicole wusste zuerst nicht genau, was es war. Aber als sie ihre Nase näher an das Jackett von Georg hielt, stellte sie fest, dass es nicht nach Rauch roch. Sie wusste, dass Ansgar, sein alter Freund, Zigarillos rauchte und dass Whisky getrunken wurde.

Vielleicht hatte die eisige Schneeluft den Geruch aufgesaugt, während Georg gestern Nacht zum Haus lief, dachte sie und hängte das Jackett gleich in den Schrank.

Sie wollte es nicht, aber am nächsten Mittwochfrüh schnüffelte sie, noch bevor sie ins Bad ging, an seinem Jackett und roch wieder keinen Rauch. Beim Frühstück fragte sie ihn fast wie nebenbei, ob er lange nach einem Parkplatz suchen musste.

„Nein“, schmunzelte er ganz entspannt, „ich steh direkt vorm Haus.“

Nicole schwieg und nahm sich vor, erstmal alles zu beobachten. Bei seinen Zärtlichkeiten und Liebkosungen merkte sie keinen Unterschied. Auch erwähnte Georg immer wieder, welche Lichtblicke in seinem Alltag für ihn das gemeinsame Kochen, ihre Klettertouren oder ihre Wochenenden im Wellnesshotel seien.

Ansgar, sein Skatfreund, arbeitete bei Nicole in der Redaktion und bei einer ihrer Kaffeepausen fragte sie ihn, welche Vorsätze er denn fürs neue Jahr hätte.

„Nicole, Schätzchen“, frotzelte er wie immer, „du weißt doch, dass ich keine Laster habe.“

„Wie wär`s mit dem Rauchen?“

„Das ist doch nur beim Karten spielen. Zigarillos und Whisky, du weißt schon, Männer unter sich.“

Peter, Georgs zweiter Skatpartner, begegnete ihr zufällig in der Stadt.

„Hi, Nicole, und … lässt du deinen Mann mit zum Lachsfischen nach Norwegen?“, begrüßte er sie.

„Warum fragst du ihn nicht selbst, ihr trefft euch doch Dienstag?“

Peter schien zu überlegen und sagte schließlich: „Ja, stimmt ja! Also dann, mach`s gut. Ciao.“

An diesem Nachmittag rief Nicole ihre Freundin an und bat sie, am Dienstag, statt in Yoga, mit ihr zu kommen. Als sie Rena erzählte, was sie vorhatte, sagte diese: „Nein, das mach ich nicht, ich bespitzle niemanden, red mit Georg.“

Doch als der Dienstagabend da war, saßen sie beide in Renas Auto und fuhren Georg hinterher. Er parkte an einer Wohnanlage mit Apartments und als er aus dem Auto stieg, öffnete auch Nicole die Autotür und flüsterte Rena noch zu: „Ich geh ihm nach.“

„Und wenn er dich sieht?“, konnte Rena gerade noch einwenden, bevor das Zufallen der Autotür ihre letzten Worte verschluckte.

Nicole konnte sehen, wie das Apartment, an dem Georg klingelte, von einer Frau geöffnet wurde. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, ging sie schnurstracks zur selben Wohnung hin und läutete.

Es öffnete eine dunkelhaarige Schönheit, Nicole glaubte sie aus der Agentur zu kennen.

„Ja, bitte?“, fragte sie.

„Ich möchte meinen Mann abholen“, sagte Nicole und drückte die Wohnungstür auf.

„Was machen Sie hier?“, empörte sich die Schwarzhaarige.

Doch da sah sie Georg schon im Flur stehen, der gerade sein Jackett an die Garderobe hängen wollte. Durch die geöffnete Tür erhaschte sie einen Blick auf einen gedeckten Tisch mit Weingläsern und Kerzenlicht.

„Was machen Sie da?“, empörte sich die Schwarzhaarige erneut.

„Ich hole meinen Mann ab“, sagte Nicole lauter als gewollt, um das Zittern in ihrer Stimme zu verbergen.

Georg, der verwirrt zwischen den beiden Frauen hin und her schaute, nahm sein Jackett und folgte wortlos seiner Frau aus der Wohnung hinaus. Rena, die bibbernd im Auto wartete, sah wie die beiden in Georgs Auto stiegen. Eine Zeit lang folgte sie ihnen noch, bevor sie nach Hause fuhr.  

Die folgenden Wochen hörte Rena nichts von Nicole. Sie kam nicht zum Yoga und Rena traute sich nicht anzurufen, weil sie Angst hatte, dass Nicole sie als Zeugin und Mitwisserin gegenüber Georg genannt hatte. Sie mochte Georg - trotz alledem.

Doch eines Dienstags stand Nicole wieder im Umkleideraum des Yogazentrums und tat so, als ob nichts gewesen wäre. Rena, die vor Neugier zu platzen drohte, drängte sie ins Freie und stürzte auf sie los: „Und, was hat er gesagt?“

„Nichts, gar nichts“, entgegnete Nicole trocken. „Es war fast so“, und jetzt stockte sie einen Moment, „als ob er erleichtert gewesen wäre.“

 „Wie, wie meinst du das?“, bohrte Rena weiter.

„Naja, er will öfter mit mir zusammen sein, will alles gemeinsam machen, ist anhänglicher als zuvor und ich musste ihn fast zwingen mit seinen Freunden zum Lachsfischen nach Norwegen zu fahren.“

„Wie …, versteh` ich nicht?“, drängte Rena weiter.

„Naja, irgendwie wirkt er fast erleichtert darüber, dass ich ihn aus dieser misslichen Lage befreit habe.“ 

 

Text des Monats - Dezember

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Ich liebe es, in Deutschland zu leben!  -  

1 Ich war auf den Weg zum Flughafen, als ich von den Attentaten in Würzburg und Ansbach hörte. Der Taxifahrer war ein Iraner. Er sprach gebrochen deutsch und erzählte heiter, wie er einer Frau im Taxi bei der Entbindung geholfen hatte. Wie konnte das sein, dachte ich, wo doch Moslems ihre Frauen verstecken und jede körperliche Nähe zu anderen Männern ein Tabu darstellt. „Voll krass“, sagte er. In Deutschland scheint dies möglich zu sein. 

2 Am Flughafen angekommen, stand ich früh um sechs mit den übermüdeten Musikern aus Rock im Park  in der Schlange vor dem Kiosk. Sie bissen herzhaft in ihre Sandwiches, schlürften ihren Cappuccino und unterhielten sich auf Englisch miteinander. Als ich dann an der Reihe war, sagte die Nürnberger Kioskverkäuferin zu mir: „Give me Cent, fünf, sex, seven“. Ich musste schmunzeln. Seit der WM 2006 war Englisch nun auch in Franken eingekehrt. 

3 Zwischen all den müden Gesichtern sah ich eine junge Frau mit helllila Haaren. „Guten Morgen“, strahlte sich mich an, als sich unsere Gesichter im Spiegel der Flughafentoiletten begegneten. 

4 Wartend saß ich auf einer Bank und beobachtete die Menschen. Es trippelte ein Frau in Stiefeletten vorbei, ihr massiger Körper in ein Kleid gezwängt, die Haare rot gefärbt, orange Federn baumelten an ihren Ohren. Es war ein früherer Kollege von mir. Ich hatte mich noch immer nicht an diesen Anblick gewöhnt. Vorher Mann, nach seiner Geschlechtsumwandlung zur Rektorin an einer bayerischen Schule ernannt. Bei uns in Bayern ist sooooo etwas möglich.  

5 Es wurde zum Boarding aufgerufen. „Familien mit Kindern zuerst und alle Passagiere, die einen Rollstuhl gebucht haben!“, lautete die Durchsage. Gleichzeitig mit den Business Class Passagieren bestiegen sie die Maschine. Schön, dass Menschen, die unsere Hilfe und Unterstützung brauchen, bevorzugt behandelt werden. Wegen eines epileptischen Anfalls verspätete sich dann auch noch unser Abflug. Dies ist in Deutschland möglich. Danke!   

6 Als ich durch die Reihen lief und meinen Sitzplatz suchte, sah ich ein älteres Ehepaar mit je einem Hundekörbchen auf den Schoß. Als die Stewardess die Gurte vor dem Abflug prüfte, nickte sie den beiden zustimmend zu. Während des ganzen Fluges redeten die beiden beruhigend auf ihre kleinen Hündchen ein. Verrückt und doch berührend, dass dies in einem europäischen Flugzeug möglich ist. 

7 Beim Blick aus dem Flugzeugfenster musste ich an meine jüngere Schwester denken, die so viele Male nach China geflogen war. Sie lebt mit einer Frau zusammen und jetzt haben sie geheiratet. Wie schön, sich öffentlich zu seiner Lebenspartnerin bekennen zu können und zu wissen, dass diese Verbindung gesetzlich geschützt ist. 

8 Ich musste daran denken, wie wir als Mädchen die ersten in unserem katholischen Dorf waren, die zwar mit Hindernissen, doch trotz allem das Abitur machen konnten. Die Sozialliberale Regierung hatte seinerzeit die Kostenfreiheit des Schulweges für Kinder auf dem Land eingeführt. Diese Chance wünsche ich allen Kindern.   

9 Es gab auch keine allzu große Aufregung, als ich dann einen evangelischen Mann heiratete. In Deutschland steht der Rechtstaat über der Religion. Gott sei dank!  

10 Auch als Frau fühle ich mich weitgehend sicher, wenn ich durch die Straßen meiner Heimatstadt laufe. Und ich weiß, dass ich mich an Silvester 2016 sicher fühle, wenn ich auf dem Nürnberger Rathausplatz feiern gehe. Der Staat hat, nach der sogenannten Kölner Silvester Nacht von 2015, Vorkehrungen getroffen.

Ich kann auch darauf vertrauen, dass es dieses Jahr wieder ein friedliches Weihnachten bei uns geben wird, wie all die Jahre zuvor. So, wie ich es allen Menschen, überall auf der Welt wünsche:  

„Ein friedliches Weihnachtsfest und ein frohes neues Jahr!“      

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