Anna Neder-von der Goltz

Mein Blog

Geschichte des Monats Juli

Brasilien 2014 109

Clubfreunde - 

Es war unsere Zeit, wenn wir früh um vier quer über Wiesen und Felder von der Diskothek nach Hause liefen. Der Himmel, durchzogen von dünnen, hellblauen Bändern, öffnete sich für den neuen Tag. Mein Bruder hatte den Arm um meine Hüfte gelegt, ich spürte seine Hand auf meinem Rippenbogen durch meine dünne Bluse hindurch. Dunst und Schweiß der durchtanzten Nacht klebten noch an unseren Körpern. Er hatte mich in seine Lederjacke eingewickelt, um mich vor dem kühlen Morgenwind zu schützen. Ich lehnte meinen Kopf an seine Halsbeuge. Am Morgenhimmel züngelten rote Wolkenflammen und glühten wie unsere Wangen und unsere Körper die Nacht zuvor in der Diskothek.

Freitags trafen wir uns mit der Clique im Planet, der größten Diskothek in Nürnberg. Samstag und Sonntag fuhren wir Hunderte von Kilometern zu den Auswärtsspielen unseres geliebten FCN. Als der Club noch in der ersten Liga spielte, fuhren wir nach Hamburg zum HSV und jetzt, in der zweiten Liga, nach Sankt Pauli, genauso weit, um ihm in der Fankurve nahe zu sein. Mit unserem Slogan „Ich bereue diese Liebe nicht!“, geschrieben auf Spruchbändern, die wir wie Segel über unsere Köpfe schwenkten, taten wir ihm jedes Wochenende unsere Liebe kund. Es war nicht ungewöhnlich, dass auch bekannte Clubspieler ins Planet kamen. Sie tanzten Seite an Seite, Haut an Haut, mit ihren Fußballfans, so als ob sie ihresgleichen wären. Sie schwitzen, tobten und hechelten durch die Nacht, der Schweiß war der gleiche, der Körpergeruch auch, nachdem die Wirkung ihrer Deos nachgelassen hatte. Keiner von den Spielern wurde nach einem Autogramm gefragt, sie hatten ihre Starallüren zuhause gelassen, sie waren einer von uns.

Letzen Freitag war wieder einer da. Caroline genoss es in seiner Aura, in seinem Bann zu tanzen. Sie ließ ihre langen blonden Haare in seine Nähe fliegen, streifte seine muskulösen Oberarme, die vor Schweiß glänzten, und lachte und freute sich, dass dieser Fußballheld sie umgarnte. Sie ließ es geschehen. Er war ohne Freundin da. In der Musikpause schlürften sie Fruchtcocktails durch dicke schwarze Strohhalme und prosteten sich zu. Doch dann hielt Caroline Ausschau nach ihrer Clique und zog sich in die Ecke zu ihrem Bruder und ihren Freundinnen zurück. Kein Feuer anfachen, dachte sie sich, nur ein bisschen sonnen in der Größe, in der Bekanntheit dieses Stars. Am Grinsen ihrer Freundinnen merkte sie, dass sie ankam. Sie genoss die Aufmerksamkeit, die Blicke des Neides und der Sehnsucht.

Nach der Pause tanzte er wieder in ihrer Nähe.

„Kommst du mit mir nach Hause“, hauchte er während des Tanzens in ihr Ohr.

Sie schüttelte den Kopf und drehte sich tanzend von ihm weg.

Er kam wieder, dieses Mal von der anderen Seite.

„Bitte, komm doch mit, hast du nicht auch Lust?“, nuschelte er.

Caroline blieb stehen und starrte ihn an. „Du hast doch eine Freundin.“

„Die ist nicht da!“, gab er zur Antwort.

Caroline schüttelte den Kopf.

„Nein!“

„Ich geb` dir 2.000 für die Nacht“, hörte sie ihn sagen. Da begann ein Rauschen in ihren Ohren und schwindelig taumelte sie in die Ecke zu ihrer Clique zurück. Ihr Bruder fragte, ob alles okay sei, sie nickte. Erst zu Hause erzählte sie ihm, was vorgefallen war.

Am nächsten Freitag ging Caroline nicht mit.

„Wo hast du denn deine kleine Schwester gelassen, Frank?“, wollten seine Freunde wissen.

„Ihr geht `s nicht so gut“, murmelte er.

Es wollte keine rechte Stimmung bei ihm aufkommen. Als sein Freund ihn doch auf die Tanzbühne schleppte, sah er ihn: Da war er wieder, der fränkische Fußballstar, das war er doch! Dieses Mal mit Freundin. Sein Herz begann schneller zu schlagen, er begann zu schwitzen, trotz seines dünnen T-Shirts, und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Alles in Ordnung?“, fragte sein Freund.

„Geht scho`“, antwortete er. „Bring mir ein Bier mit.“

Die Musik machte gerade Pause und Frank wollte auf seinen Platz zurück, doch da drängte ihn eine innere Kraft sich umzudrehen und er steuerte geradewegs auf den Fußballstar und dessen Freundin zu.

„Du übrigens, meine Schwester hat sich `s überlegt, für 10.000 geht sie mit dir nach Hause.“

„Was willst du?“, blaffte der Fußballstar ihn an. Seine Freundin schaute verwirrt zu ihm, dann zu ihrem Held und wieder zurück.

„Für 10.000 geht sie mit“, wiederholte Frank.

Der Fußballstar drängte sich jetzt an ihn heran und brüllte. „Lass mich in Ruhe, du Scheißkerl! Security! Belästigung, ich werde belästigt!“

Da spürte Frank schon den harten Griff einer eisernen Hand in seinem Nacken und eine andere, die seinen Oberarm ergriff. Er wurde zuerst nach hinten gezogen, dann von den vielen Händen gedreht, die Tür öffnete sich und er spürte, wie er durch einen wuchtigen Stoß Auftrieb bekam und zur offengehaltenen Tür hinaus auf den geteerten Gehsteig segelte. Er landete auf seinem Jochbein und spürte den Schmerz seiner aufgeschürften Handballen. Ihm war schwarz vor Augen und er wäre am liebsten liegen geblieben. Doch dann drückte er sich hoch, betastete mit der Hand das schmerzende Jochbein, schmeckte mit der Zunge den metallenen Geschmack von Blut in seinem Mund und fing an, die kleinen Schottersteinchen aus seiner aufgesprungenen Lippe herauszupulen. Ihm war kalt, er vermisste seine Schwester und er fing an wie im Trance nach Hause zu laufen, so wie jeden Samstag früh.

Auf den Wiesen und Feldern lag der Morgendunst und am Himmel waren wie immer die ersten Lichtstreifen des Tages zu sehen. Jeder Schritt schmerzte und er spürte das Blut aus seiner Nase tropfen, rot, so rot wie die Wolkenfetzen, die er am Himmel heraufziehen sah. Es waren züngelnde Flammen, wie von riesengroßen Fackeln, Fackeln des Sieges, die den Sieger den Weg nach Hause geleiteten. Er sah die schwarzen Silhouetten der Bäume und Sträucher und das schwarze Viereck von weitem, die Plakatwand dort am Schotterweg, wo er abbiegen musste, zur Siedlung seines Elternhauses hinauf. Sein Schritt wurde beschwingter, der Schmerz brannte wie Spiritus im Feuer und gab ihm das Gefühl, ja die Gewissheit, dass er heute, wenn auch der geschlagene, so doch der Held des fränkischen Fußballlandes war. Die Plakatwand wirkte von weitem wie ein Tor. Dort angekommen, schaute er zu den übergroßen Lettern hinauf und musste trotz seiner aufgeschlagenen schmerzenden Lippe schmunzeln. Dort stand die Botschaft geschrieben. 

„Ich bereue diese Liebe nicht.“      

Erzählung des Monats - Februar

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Rauchfrei  -  

Sie hatten eine gute Ehe. So dachte sie zumindest. Bis zu jenem Morgen, als sie die Kleider zum Lüften auf den Balkon hängte.

Georg fuhr um sieben in seine Agentur. Nicole musste erst um zehn in der Redaktion sein. Sie frühstückten zusammen und Nicole räumte noch etwas auf und hängte Pullover und Jacken ins Freie. Georg kaufte ein und abends kochten sie zusammen. Wenn sie keine Lust dazu hatten, gingen sie Essen. Manchmal gingen sie mit Freunden ins Kino oder joggen.

Nur der Dienstagabend war beiden heilig. Nicole liebte ihren Yogakreis und Georg seine Skatrunde. Es waren alte Freunde, die sie schon aus der Zeit vor ihrer Beziehung kannten.

Doch an diesem Mittwochfrüh war etwas anders. Nicole wusste zuerst nicht genau, was es war. Aber als sie ihre Nase näher an das Jackett von Georg hielt, stellte sie fest, dass es nicht nach Rauch roch. Sie wusste, dass Ansgar, sein alter Freund, Zigarillos rauchte und dass Whisky getrunken wurde.

Vielleicht hatte die eisige Schneeluft den Geruch aufgesaugt, während Georg gestern Nacht zum Haus lief, dachte sie und hängte das Jackett gleich in den Schrank.

Sie wollte es nicht, aber am nächsten Mittwochfrüh schnüffelte sie, noch bevor sie ins Bad ging, an seinem Jackett und roch wieder keinen Rauch. Beim Frühstück fragte sie ihn fast wie nebenbei, ob er lange nach einem Parkplatz suchen musste.

„Nein“, schmunzelte er ganz entspannt, „ich steh direkt vorm Haus.“

Nicole schwieg und nahm sich vor, erstmal alles zu beobachten. Bei seinen Zärtlichkeiten und Liebkosungen merkte sie keinen Unterschied. Auch erwähnte Georg immer wieder, welche Lichtblicke in seinem Alltag für ihn das gemeinsame Kochen, ihre Klettertouren oder ihre Wochenenden im Wellnesshotel seien.

Ansgar, sein Skatfreund, arbeitete bei Nicole in der Redaktion und bei einer ihrer Kaffeepausen fragte sie ihn, welche Vorsätze er denn fürs neue Jahr hätte.

„Nicole, Schätzchen“, frotzelte er wie immer, „du weißt doch, dass ich keine Laster habe.“

„Wie wär`s mit dem Rauchen?“

„Das ist doch nur beim Karten spielen. Zigarillos und Whisky, du weißt schon, Männer unter sich.“

Peter, Georgs zweiter Skatpartner, begegnete ihr zufällig in der Stadt.

„Hi, Nicole, und … lässt du deinen Mann mit zum Lachsfischen nach Norwegen?“, begrüßte er sie.

„Warum fragst du ihn nicht selbst, ihr trefft euch doch Dienstag?“

Peter schien zu überlegen und sagte schließlich: „Ja, stimmt ja! Also dann, mach`s gut. Ciao.“

An diesem Nachmittag rief Nicole ihre Freundin an und bat sie, am Dienstag, statt in Yoga, mit ihr zu kommen. Als sie Rena erzählte, was sie vorhatte, sagte diese: „Nein, das mach ich nicht, ich bespitzle niemanden, red mit Georg.“

Doch als der Dienstagabend da war, saßen sie beide in Renas Auto und fuhren Georg hinterher. Er parkte an einer Wohnanlage mit Apartments und als er aus dem Auto stieg, öffnete auch Nicole die Autotür und flüsterte Rena noch zu: „Ich geh ihm nach.“

„Und wenn er dich sieht?“, konnte Rena gerade noch einwenden, bevor das Zufallen der Autotür ihre letzten Worte verschluckte.

Nicole konnte sehen, wie das Apartment, an dem Georg klingelte, von einer Frau geöffnet wurde. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, ging sie schnurstracks zur selben Wohnung hin und läutete.

Es öffnete eine dunkelhaarige Schönheit, Nicole glaubte sie aus der Agentur zu kennen.

„Ja, bitte?“, fragte sie.

„Ich möchte meinen Mann abholen“, sagte Nicole und drückte die Wohnungstür auf.

„Was machen Sie hier?“, empörte sich die Schwarzhaarige.

Doch da sah sie Georg schon im Flur stehen, der gerade sein Jackett an die Garderobe hängen wollte. Durch die geöffnete Tür erhaschte sie einen Blick auf einen gedeckten Tisch mit Weingläsern und Kerzenlicht.

„Was machen Sie da?“, empörte sich die Schwarzhaarige erneut.

„Ich hole meinen Mann ab“, sagte Nicole lauter als gewollt, um das Zittern in ihrer Stimme zu verbergen.

Georg, der verwirrt zwischen den beiden Frauen hin und her schaute, nahm sein Jackett und folgte wortlos seiner Frau aus der Wohnung hinaus. Rena, die bibbernd im Auto wartete, sah wie die beiden in Georgs Auto stiegen. Eine Zeit lang folgte sie ihnen noch, bevor sie nach Hause fuhr.  

Die folgenden Wochen hörte Rena nichts von Nicole. Sie kam nicht zum Yoga und Rena traute sich nicht anzurufen, weil sie Angst hatte, dass Nicole sie als Zeugin und Mitwisserin gegenüber Georg genannt hatte. Sie mochte Georg - trotz alledem.

Doch eines Dienstags stand Nicole wieder im Umkleideraum des Yogazentrums und tat so, als ob nichts gewesen wäre. Rena, die vor Neugier zu platzen drohte, drängte sie ins Freie und stürzte auf sie los: „Und, was hat er gesagt?“

„Nichts, gar nichts“, entgegnete Nicole trocken. „Es war fast so“, und jetzt stockte sie einen Moment, „als ob er erleichtert gewesen wäre.“

 „Wie, wie meinst du das?“, bohrte Rena weiter.

„Naja, er will öfter mit mir zusammen sein, will alles gemeinsam machen, ist anhänglicher als zuvor und ich musste ihn fast zwingen mit seinen Freunden zum Lachsfischen nach Norwegen zu fahren.“

„Wie …, versteh` ich nicht?“, drängte Rena weiter.

„Naja, irgendwie wirkt er fast erleichtert darüber, dass ich ihn aus dieser misslichen Lage befreit habe.“ 

 

Text des Monats - Dezember

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Ich liebe es, in Deutschland zu leben!  -  

1 Ich war auf den Weg zum Flughafen, als ich von den Attentaten in Würzburg und Ansbach hörte. Der Taxifahrer war ein Iraner. Er sprach gebrochen deutsch und erzählte heiter, wie er einer Frau im Taxi bei der Entbindung geholfen hatte. Wie konnte das sein, dachte ich, wo doch Moslems ihre Frauen verstecken und jede körperliche Nähe zu anderen Männern ein Tabu darstellt. „Voll krass“, sagte er. In Deutschland scheint dies möglich zu sein. 

2 Am Flughafen angekommen, stand ich früh um sechs mit den übermüdeten Musikern aus Rock im Park  in der Schlange vor dem Kiosk. Sie bissen herzhaft in ihre Sandwiches, schlürften ihren Cappuccino und unterhielten sich auf Englisch miteinander. Als ich dann an der Reihe war, sagte die Nürnberger Kioskverkäuferin zu mir: „Give me Cent, fünf, sex, seven“. Ich musste schmunzeln. Seit der WM 2006 war Englisch nun auch in Franken eingekehrt. 

3 Zwischen all den müden Gesichtern sah ich eine junge Frau mit helllila Haaren. „Guten Morgen“, strahlte sich mich an, als sich unsere Gesichter im Spiegel der Flughafentoiletten begegneten. 

4 Wartend saß ich auf einer Bank und beobachtete die Menschen. Es trippelte ein Frau in Stiefeletten vorbei, ihr massiger Körper in ein Kleid gezwängt, die Haare rot gefärbt, orange Federn baumelten an ihren Ohren. Es war ein früherer Kollege von mir. Ich hatte mich noch immer nicht an diesen Anblick gewöhnt. Vorher Mann, nach seiner Geschlechtsumwandlung zur Rektorin an einer bayerischen Schule ernannt. Bei uns in Bayern ist sooooo etwas möglich.  

5 Es wurde zum Boarding aufgerufen. „Familien mit Kindern zuerst und alle Passagiere, die einen Rollstuhl gebucht haben!“, lautete die Durchsage. Gleichzeitig mit den Business Class Passagieren bestiegen sie die Maschine. Schön, dass Menschen, die unsere Hilfe und Unterstützung brauchen, bevorzugt behandelt werden. Wegen eines epileptischen Anfalls verspätete sich dann auch noch unser Abflug. Dies ist in Deutschland möglich. Danke!   

6 Als ich durch die Reihen lief und meinen Sitzplatz suchte, sah ich ein älteres Ehepaar mit je einem Hundekörbchen auf den Schoß. Als die Stewardess die Gurte vor dem Abflug prüfte, nickte sie den beiden zustimmend zu. Während des ganzen Fluges redeten die beiden beruhigend auf ihre kleinen Hündchen ein. Verrückt und doch berührend, dass dies in einem europäischen Flugzeug möglich ist. 

7 Beim Blick aus dem Flugzeugfenster musste ich an meine jüngere Schwester denken, die so viele Male nach China geflogen war. Sie lebt mit einer Frau zusammen und jetzt haben sie geheiratet. Wie schön, sich öffentlich zu seiner Lebenspartnerin bekennen zu können und zu wissen, dass diese Verbindung gesetzlich geschützt ist. 

8 Ich musste daran denken, wie wir als Mädchen die ersten in unserem katholischen Dorf waren, die zwar mit Hindernissen, doch trotz allem das Abitur machen konnten. Die Sozialliberale Regierung hatte seinerzeit die Kostenfreiheit des Schulweges für Kinder auf dem Land eingeführt. Diese Chance wünsche ich allen Kindern.   

9 Es gab auch keine allzu große Aufregung, als ich dann einen evangelischen Mann heiratete. In Deutschland steht der Rechtstaat über der Religion. Gott sei dank!  

10 Auch als Frau fühle ich mich weitgehend sicher, wenn ich durch die Straßen meiner Heimatstadt laufe. Und ich weiß, dass ich mich an Silvester 2016 sicher fühle, wenn ich auf dem Nürnberger Rathausplatz feiern gehe. Der Staat hat, nach der sogenannten Kölner Silvester Nacht von 2015, Vorkehrungen getroffen.

Ich kann auch darauf vertrauen, dass es dieses Jahr wieder ein friedliches Weihnachten bei uns geben wird, wie all die Jahre zuvor. So, wie ich es allen Menschen, überall auf der Welt wünsche:  

„Ein friedliches Weihnachtsfest und ein frohes neues Jahr!“      

Erzählung des Monats - November

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Ali lernt Deutsch -  

 

Er war zwölf Jahre alt und saß mit geneigtem Kopf auf seinem Stuhl und sah auf seine Hände, die in seinem Schoß lagen.

„Sie müssen ihn ablenken, er ist ganz traurig“, sagte Serhat, sein Banknachbar, zu mir.

„Wo kommst du her?“, fragte ich Ali.

„Vier Monate“, antwortete er.

„Nein, ich meine, wo warst du Zuhause?“

„Welserstraße“, antwortete er und zeigte mit seiner Hand auf die Fenster der Ostseite des Klassenzimmers.

„Jetzt lebst du in Deutschland“, erklärte ich ihm, „aber in welchem Land hast du vorher gelebt?“.

„Kiel“, antwortete er.

Ich holte einen Atlas, legte ihn auf die Bank und schlug Vorderasien auf. Er zeigte auf Afghanistan.

„Welchen Weg seid ihr gegangen?“

„Afghanistan, Iran, Türkei“, sagte er und fuhr dabei mit dem Finger über die Landkarte.

„Mit Bus oder mit LKW?“

„Sie sind sehr weit gelaufen“, mischte sich jetzt Serhat wieder ein.

„Und dann von der Türkei aus, wie weiter?“, fragte ich.

Ali schaute mich an, stand auf, ging zum Regal mit den Sprachspielen und kam mit dem Memory-Spiel zurück. Er durchsuchte alle Bilder, bis er das Bild mit einem Schiff hatte.

„Mit dem Schiff?“

„Ja, Schiff, heißt das“, antwortete er.   

„Seid ihr mit einem großen Schiff gekommen, oder mit einem Boot?“  

„60 Personen, Boot, Wasser hier“, wobei er mit der Handkante die Wasserhöhe an seinem Kinn anzeigte. „Rucksack, Kleider -  Wasser, T-Shirt, Hose - nass.“

„Das ist schlimm“, sagte ich, „aber jetzt seid ihr in Sicherheit und alles ist gut.“ Ali nickte und schaute mich mit großen, stummen Augen an.

 

„Sie müssen ihn ablenken“, mischte sich Serhat erneut ein, der die ganze Zeit aufmerksam zugehört hatte, „sonst wird er wieder traurig.“ 

„Ist deine ganze Familie mitgekommen?“, fragte ich weiter.

Ali schien irritiert, ich wusste nicht, ob er mich verstanden hatte.   

„Dein Vater?“ Ali nickte.

„Deine Mutter?“ Er nickte.

„Hast du eine Schwester oder einen Bruder?“

„Schwester, 18, Deutschkurs“.

„Und dein Vater und deine Mutter?“

„Vater Deutschkurs, Mutter nein“, gab er zur Antwort.  

„Hast du noch Verwandte in Afghanistan?“

Ali nickte: „Großvater, Bruder, 16“

„Telefoniert ihr, schreibt ihr Briefe?“, mimte ich mit Hand und Kopf nach.

Ali schüttelte den Kopf: „ ...  tot. Polizei, Großvater, Bruder, Grenze, Afghanistan - tot.“

„Aber warum?“

Ali, zuckte mit den Schultern und schaute mich verlegen mit seinen traurigen Augen an, als ob er sich dafür schämte. Dann neigte er den Kopf hinunter und schaute wieder auf seine Hände.

 

„Sie müssen ihn ablenken, sonst wird er traurig“, kam erneut die Aufforderung von Serhat, seinem Banknachbarn. Und als ich nicht reagierte, nahm er das Ruder in die Hand.

„Ali, hast du noch Freunde in Afghanistan?“, fragte er.  

„Alle weg gegangen.“

„Du kannst die doch mit Handy anrufen, oder habt ihr keine Handys?“

„Doch…, keine Nummern“, antwortete er, zuckte mit den Schultern und hob die Hände.

„Wollt ihr Memory spielen?“, fragte ich, nachdem ich mich wieder etwas gefangen hatte.

„Au ja“, rief Serhat, „spielst du mit, Ali?“ Er nickte.

„Ich will aber, dass ihr die Namen der Dinge auf den Bildkarten benennt, wir haben Deutschunterricht.“  

„Ja, ok“, sagte Serhat und Ali nickte.

 

Ein Baum gehört zu einem Baum,

ein Haus zu einem Haus  

und Alis Bruder ist 16 und ist tot.

 

Eine Blume gehört zu einer Blume,

eine Taschenlampe zu einer Taschenlampe,

ein Boot zu einem Boot

und Alis Bruder ist 16 und ist tot.

 

Buntstifte gehören zu Buntstifte,

Luftballons zu Luftballons,

Feuerwehrautos zu Feuerwehrautos,

und Alis Bruder ist 16 …

 

Serhat gewann das Spiel, er hatte den höchsten Turm mit Memory Karten. Ich hatte den mittleren und Ali den niedrigsten - sein Bruder ist tot. 

 

Erzählung des Monats - Oktober

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Sophie will geküsst werden ...

Diesen Sommer will ich geküsst werden, dachte Sophie und verabredete sich mit ihrer Freundin im Biergarten.

Zwei Jahre ist es jetzt her, seit Christian mit ihr Schluss gemacht hatte. Den ersten Sommer schmerzte es sie noch sehr, wenn sie Liebespaare auf der Wöhrder Wiese Ball spielen und rumtollen sah. Sie nahm sich jedes Mal vor, nicht hinzuschauen, wenn diese eng ineinander verschlungen auf ihren Decken lagen und sich zärtlich liebkosten. Die ganze Welt schien glücklich und verliebt zu sein. Oft lag sie abends bei geöffnetem Fenster auf ihrem Bett, hörte unten vom angrenzenden Biergarten herauf die fröhlichen Stimmen und das Lachen. Auch das wollte Sophie nicht hören, sie zog die Decke über den Kopf und weinte sich viele Male in den Schlaf. Doch diesen Sommer ging sie hinunter, lief mehrmals durch den Biergarten, dessen Wirt ein Grieche war, und verabredete sich immer öfter mit Kolleginnen oder ihrer Freundin dort, so wie auch an diesem Abend.

Noch saß Sophie alleine am Tisch. Zwei WhatsApp hatte Marie geschrieben. „Komme später.“ „Warte bitte.“ Marie war nicht immer die Zuverlässigste. Der Tisch war viel zu groß für Sophie. Doch immer wenn jemand fragte, ob der Tisch schon belegt sei, konnte Sophie nicht schnell genug antworten: „Ja, aber nur ein Platz“, bevor der Suchende schon Ausschau nach einem neuen Tisch hielt.

An ihrem Aussehen konnte es nicht liegen, dachte Sophie. Wie oft hatte sie schon gehört, wie hübsch sie war. Heute hatte sie ihr langes dickes Haar zu einem Zopf geflochten und über ihre Schulter gelegt. Sie hatte große dunkle Augen und einen Bronzeschimmer auf der Haut. Sie trug ein schulterfreies Kleid und die dunkelblaue fließende Seide ließ alles in der Sommerhitze golden glitzern. Manchmal glaubte sie, dass ihre Schönheit, wie eine magische Grenze, die anderen davon abhielt sich zu ihr zu setzen.

Am gegenüberliegenden Tisch beobachtete Sophie eine Frau, deren dicker Hintern in Jeans eingezwängt war und deren T-Shirt wie abgeschnitten ihren speckigen Bauch freilegte, aus dessen Nabel ein Piercing lugte. Mit ihren roten langen Fingernägeln der rechten Hand umklammerte sie die Schulter eines Mannes, der auf der Bank vor ihr saß, wobei sie gleichzeitig ihren großen Busen gegen seinen Rücken drückte. Mit der anderen hob sie ein Bierglas hoch und prostete ihren Freunden zu. Ihre Lippen waren tief rot bemalt und ihr blonder Wuschelkopf fiel jedes Mal nach hinten, wenn sie wieder mit einem ihrer flotten Sprüche die ganze Reihe zum Lachen gebracht hatte. Diese Frau konnte andere Menschen glücklich machen, dachte Sophie und ein tiefer Seufzer drang durch ihre Brust.

In dem Moment sah sie, wie ihr vom Nebentisch jemand zuwinkte. Es war eine Kinderhand und jetzt hob die Mutter die Hand. Und während Sophie noch überlegte, wer das wohl sein könnte, kamen die beiden schon auf sie zu. Es war Nikos, ein Schüler, den sie seit Jahren in der Grundschule betreute. 

Nein, dachte Sophie. Ich hab Feierabend, ich will nicht.  

Doch da hatte die Mutter den Jungen schon auf Sophies Bank geschoben und sich danebengesetzt. Seit vier Jahren hatte Sophie in der Schulberatung vergeblich versucht, die Mutter davon zu überzeugen, dass Nikos dringend Erfolgserlebnisse brauche und es am besten wäre, wenn er in eine Förderschule ginge. Auch wenn die Noten ausgesetzt worden waren, lernte Nikos schnell die römischen Ziffern zu entschlüsseln, die nun auf den Probearbeiten standen und selbst als die Klassenlehrerin Sterne statt Ziffern auf sein Blatt schrieb, wusste Nikos, dass fünfzackige Sterne eine fünf bedeuten und sechszackige eine sechs. Er spürte, dass er von der Leistung her der schlechteste in seiner Klasse war und Sophie war es leid, erneut über das Drama dieses Kindes sprechen zu müssen. Plötzlich standen der Vater und die Großeltern von Nikos ebenfalls auf und kamen zu Sophies Tisch herüber. Nikos wurde von seiner Mutter näher zu Sophie herangeschoben und dann wurden Onkel und Tante herbei gerufen, für die Platz gemacht worden war. Rechts von Sophie kletterte der kleine Bruder auf die Bank und nun war es aussichtslos, an die Tasche unter dem Tisch mit der ersehnten Nachricht von Maries Ankunft heranzukommen. Mittlerweile war sie von der ganzen Familie Magaritis eingerahmt.

„Mein Mann“, sagte Frau Magaritis und zeigte auf den Mann, der Sophie gegenüber saß und ihr freundlich zunickte.

„Die Oma“, sagte sie und zeigte auf die ältere Frau mit weißen Haaren.

„Sie gute Lehrerin“, rief die Großmutter Sophie zu und nickte freundlich.

„Der Opa“, stellte Frau Magaritis weiter vor und zeigte auf den älteren Mann mit der ledernen Gesichtshaut, der daneben saß und Sophie ebenfalls freundlich zunickte, wobei seitlich im Mund eine Zahnlücke zu sehen war. 

„Sie gute Lehrerin!“, rief die Großmutter, der Großvater nickte und in der Zwischenzeit stand ein Tablett mit zehn Ouzos auf dem Tisch und alle wollten mit Sophie anstoßen.

„Nikos geht in Förderschule, im Februar“, sagte die Mutter und strahlte dabei über das ganze Gesicht.   

Und jetzt nickte Sophie zustimmend, da sie keine Lust auf eine neue Diskussion hatte und kippte ihren Ouzo hinunter, wobei der Großvater ihr freundlich zuprostete.

„Das ist Tante und Onkel“, sagte die Mutter. „Onkel auch viel Problem in Schule und Cousin auch. Liegt in Familie“, sagte sie und lächelte Sophie freundlich an.

„Sie gute Lehrerin“, sagte die Oma erneut und jetzt trank die Mutter ihren zweiten Ouzo und prostete ihrem Mann zu.

„Wir wollen gute Ausbildung für Kinder haben, machen alles dafür. Wir umziehen und dann Nikos kommt in Förderschule.“

Sophie nickte und war erleichtert zu sehen, wie Platten mit griechischem Bauernsalat, gegrillten Kalamari, Gyros, Tzatziki und Körbe mit Weißbrot auf den Tisch geschoben wurden und jeder einen weißen Teller bekam und somit das Thema in den Hintergrund geriet. Ein Weinglas tauchte irgendwo hinter ihrem Rücken auf und Besteck in weiße Servietten eingewickelt wurde neben die Teller gelegt. Man begann die Platten herumzureichen und wünschte sich guten Appetit.

„Kaliméra“, sagte der Wirt, der plötzlich an der Seite vom Biertisch stand und allen zunickte.

„Das ist mein Cousin“, stellte dieses Mal der Vater vor. „Ich arbeite in Hotel von ihm.“

„Und ich putzen Zimmer“, sagte die Tante und Sophie nickte ihnen höflich zu. Sie liebte griechischen Salat.

Es wurde wieder angestoßen, dieses Mal mit Retsina, und der Wirt, der das Glas hob, prostete Sophie zu und sagte: „Sie gute Lehrerin.“

„Wir ziehen um, alle, in neue Wohnung und dann Nikos im Februar kommt in Förderschule“, sagte die Tante und umarmte Nikos Mutter, die Tränen in den Augen hatte.

Sophie verstand gar nichts mehr, warum im Februar und nicht jetzt, Anfang September, dachte sie und warum umziehen. Der kleine Bruder saß nun mittlerweile auf ihrem Schoß und so traute Sophie sich zu fragen, aus welcher Gegend in Griechenland denn die Ursprungsfamilie stamme.

„Karpathos“, riefen alle wie im Chor.

„Sie Karpathos kennen?“

„Ja, im August war ich mal dort wandern“, antwortete Sophie.

„Wandern in heißer Sonne, das nicht gut. Blut fängt an zu kochen“, sagte die Oma, „aber sie gute Lehrerin“ schob sie gleich nach und wieder wollten alle mit ihr anstoßen.

Sie redeten noch über Korfu, über den Peloponnes, den die Familie noch nie bereist hatte, und beim Abschied fiel ihr zuerst die Mutter um den Hals, küsste sie auf die rechte Wange und dann auf die linke und wieder auf die rechte und die Tante drückte sie fest an sich und küsste sie ebenfall links und rechts und wieder links und die Oma nahm Sophies Gesicht in beide Hände und küsste sie auf die Stirn und auf beide Nasenflügel, so dass Sophie kaum Luft bekam. Die Männer hoben die Hand, schmunzelten und grüßten mit „Kalispera“ und die Kinder, die schon zur alten Steintreppe am Ausgang des Biergartens gelaufen waren, winkten ihr noch mal zu. 

Sophie schwankte leicht als sie hoch in ihre Wohnung ging. Sie warf sich aufs Bett und fiel bei geöffnetem Fenster in einen wohligen Schlaf. Am nächsten Morgen schreckte sie hoch, sie hatte den Wecker überhört. Schnell ging sie unter die Dusche und hastete ohne Frühstück aus dem Haus. Auf dem Flur in der Schule kam ihr die Klassenlehrerin von Nikos entgegen und schüttelte nur lachend den Kopf.

„Wie hast du denn das geschafft? Die Mutter von Nikos war da und erzählte, dass er im Februar in die Förderschule geht und dass sie extra dafür in die Nähe der Schule umziehen.“ 

Sophie zuckte die Schultern und schmunzelte, und bevor sie ins Klassenzimmer ging, holte sie ihr Smartphone aus der Tasche und schrieb noch schnell eine WhatsApp an ihre Freundin:

„Liebe Marie, bin gestern viel geküsst worden. Sophie“