Anna Neder-von der Goltz

Über mich

Mein Name

Dr. Anna Neder – Gräfin von der Goltz, so steht es in meinem Pass.

Als Mädchen wurde ich Anni gerufen und freute mich darüber, da man mich mit dem Lied von der `Tante Anna` nicht mehr ärgern konnte. Manchmal riefen sie Annemierlie Bobbezierle, aber das kümmerte mich nicht. Denn nachdem ich mit meinen roten dicken Backen und einem Wirbel im Haar durchs Dorf streunte, gab man mir den schönen Beinamen Anni, die Gassenbärbel.

Mit sechzehn, beim Antrag meines ersten Personalausweises, sagten sie mir, dass ich mit Anna unterschreiben müsse, denn das sei sonst Urkundenfälschung. Es machte mir nichts aus. Als ich zum Studieren in die Stadt ging, stellte ich mich als Anna vor und spürte, als aus dem i ein a wurde, dass sich das für mich rund anfühlte. Anna Neder aus dem Dorf.

Sieben Jahre später heirateten mein Mann und ich, weil wir in dem gleichen Ort bleiben wollten. Am Standesamt hatte ich nur die Wahl zwischen einem Doppelnamen oder den Namen meines Mannes. Und so wurde aus Anna Neder aus dem Dorf, die Anna Neder von der Goltz aus der Stadt. Und da ich mich nicht als eine Frau von der Goltz fühlte, ließ ich mich auf der Arbeit weiterhin mit Frau Neder ansprechen.

Einige Jahre später setzte mein Mann unseren kleinen Sohn vor der Schule ab und sagte, er solle nach seiner Mutter fragen. Mit seinen vier Jahren reichte er mit seinem blonden Bürstenhaarschnitt und Wirbel vorne an der Stirn kaum an das Schiebeglasfenster des Hausmeisters heran. Als dieser seinen Namen wissen wollte, antwortete er wahrheitsgemäß Niklas von der Goltz. Woraufhin der Hausmeister zur Antwort gab: „Deine Mutter arbeitet hier nicht.“ Stunden später fand ich meinen kleinen Sohn vorne auf dem Gehsteig an der Straße sitzen. Ich nahm ihn hoch, er legte sein mit Rotz verschmiertes Gesicht in meine Halsbeuge, die Tränen waren inzwischen getrocknet, doch von da an beschloss ich, den gleichen Namen wie meine Kinder zu tragen. Also nun doch Frau von der Goltz.

Ich kürzte ihn aber immer noch ab und stellte mich in der nächsten Schule als Frau Goltz vor: Anna Goltz. Die Goltz hieß ich dann schnell und da dies auf dem Land war und ich Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten unterrichtete, fügte ich schnell das von der wieder ein, was wir mir eine höfliche Distanz zwischen mir und meinen Schülern einräumte.

Dann kam mit der Promotion der Dr. Titel, den ich genau wie den Namenszusatz Gräfin bei der Vorstellung unter den Tisch fallen ließ. Nur auf meinen Namenschildern an Schule und Universität war es mir wichtig, dass dort schwarz auf weiß das Dr. vor meinem Namen stand. Oft musste ich es einfordern, da vor allem männliche Kollegen das Dr. gerne mit der Bemerkung, „Ah ja, stimmt ja“ übersahen oder vergaßen und ich dann zu hören bekam, „ach unsere Frau Doktor“ so wie sie vorher, wenn sie im Scherz oder aus Böswilligkeit, was oft nah beieinander lag, über mich redeten, von mir als „der Gräfin“ sprachen.

„Dir hat der Name von der Goltz doch nie so viel bedeutet, Mama“, sagte unser jüngster Sohn, als er am Abend vor seiner Hochzeit uns auf AB mitteilte, dass er den Namen Falkenberg annehmen werde. Mein Mann war tief getroffen und ich konnte gut mit ihm fühlen, da ich in dieser großen geschichtsträchtigen Familie vielen interessanten und besonnenen Menschen begegnet bin, die das „adelig sein“, mehr als Geisteshaltung verstanden, denn als Besitzanspruch. Ich hätte mir gewünscht, dass mein Sohn das Gespräch mit seinem Vater sucht, ihm Zeit gibt seine Entscheidung nachzuvollziehen, doch er hatte wohl Angst, dass er ihn umstimmen könnte.

Nun heißt meine Enkeltochter Ella Falkenberg und ich liebe sie so sehr. Und manchmal, wenn ich überlege, welchen Namen ich bei meinen literarischen Veröffentlichungen wählen soll, dann denke ich, dass Anna Falkenberg ein schöner Name wäre.

Doch dann sehe ich, dass dieser Name in meinem Leben keine Spuren für mich hinterlassen hat. Anna Neder von der Goltz steht auf meiner Doktorarbeit, und ich bin stolz auf dieses Buch, in dem ich nach zehn Jahren Unterricht bei todkranken Jugendlichen die Frage gestellt habe: Was unterrichtet man 12-16jährigen, die eh bald sterben?  

Auf meinem ersten Erzählband steht Anna Neder-Goltz, so wie auf meiner Website, so dass man mich schnell im Internet finden kann. Welcher Name wird auf meinem ersten Roman stehen? Ich weiß es nicht.

Und was wird auf meinen Grabstein stehen? Anna Goltz, nein, nicht einmal das. Ich möchte ein Baumgrab haben, und denke dabei an meine Mutter. Sie hat ihr Leben lang Eltern, Schwiegereltern und Mann umsorgt und gepflegt, doch nach dem Tod wollte sie verbrannt werden und ein Grab nur für sich allein haben. Nun liegt sie zwischen ihrer Nachbarin, mit der sie befreundet war, und einem jungen Mann, der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war und den sie schon immer so patent fand. Endlich ein Ort, ein Raum, nur für sie alleine, außerhalb des Familiengrabes. Meine Mutter, stets allseits interessiert, wissbegierig und kontaktfreudig, wollte nichts mehr wissen von der Welt, einfach ihre Ruhe haben.

Jetzt ist mein Name noch Bekenntnis zu meinem Tun, über den Weg, den ich gehe, doch später unter der Erde brauche ich keine Spuren, sondern will aufgehoben, verstreut sein, in Mutter Erde zurückkehren, befreit und erlöst davon, Rechenschaft abzulegen über mein Wirken in dieser Welt.